Neue Ära: Yamaha Ténéré 700 (Rally)

Ténéré Sardegna ExperienceMit dem Update auf Euro5+ sah sich Yamaha gezwungen ihre puristische Ténéré 700 mit Ride-by-Wire auszustatten. Zudem wurde die Ténéré-Palette neu definiert. Wir konnten sie in Marokko fahren und spüren, wie sich die zahlreichen Neuerungen auswirken.
Optisch ist die neue Yamaha Ténéré 700 kaum von ihrer Vorgängerin zu unterscheiden. Doch sie erfuhr viele grundlegende Änderungen. So ist sie mit weiter nach vorn verlagertem 16-Liter-Tank vorderradorientierter ausgelegt. Die Berührungspunkte mit den Beinen wurden überarbeitet und optimiert. Eine neue, einteilige Endurositzbank (Sitzhöhe wie bisher 875 mm), die nun weiter nach vorn reicht, sorgt für bessere Bewegungsfreiheit, grössere Fussrasten stellen optimalen Grip im Stehen sicher.

Die Yamaha Ténéré 700 wurde ergonomisch verfeinert. Die Sitzbank reicht bis weiter nach vorn und die Berührungspunkte mit den Beinen sind nun schnörkellos.
Neues Fahrwerk
Das Fahrwerk der Standard-Version mit 210 mm Federweg vorn und 200 mm hinten wurde optimiert. Die USD-Gabel erhielt ein neues Setting und ist nun neben der Ein- und Auswärtsdämpfung auch in der Vorspannung einstellbar. Gleichzeitig wartet sie mit besserer Durchschlagssicherheit auf. Dasselbe gilt für das neue Federbein, das nicht nur einen grösseren Durchschlaggummi erhielt, sondern neu für denselben Federweg 7 mm mehr Hub hat. Neue Umlenkhebel sollen für mehr Komfort und eine bessere Offroadperformance sorgen. Dazu kamen neue Lenkerarmaturen, ein grösseres TFT-Display und viele weitere Anpassungen.
- Die Gabel der Yamaha Ténéré 700 wurde überarbeitet und ist nun auch in der Federvorspannung einstellbarrde überarbeitet
- Im Heck der Yamaha Ténéré 700 arbeitet ein neues volleinstellbares Federbein mit mehr Hub.
RbW und Fahrmodi
Im Zentrum der umfangreichen Überarbeitung stand aber das Update auf Euro5+. Zum Erreichen der strengen Norm sah sich Yamaha gezwungen, die Ténéré mit einem Ride-by-Wire-System auszustatten. Die Ténéré besitzt also kein Gaskabel mehr, sondern einen elektronischen Gasgriff, der die Gasgriffstellung an die ECU übermittelt, welche die Gasbefehle dann optimal umsetzt. Maximalleistung und Drehmoment des 689 ccm grossen Reihentwins blieben mit 73,4 PS bei 9000/min und 68 Nm bei 6500/min unverändert. Im unteren Drehzahlbereich konnte der CP2 aber sogar zulegen.
- Über die neuen Yamaha-Armaturen mit Joystick…
- … wird das neu 6,2 Zoll grosse Farb-TFT bedient.
Neu stehen zwei Powermodi zur Wahl: Sport mit sehr direkter Gasannahme und der sanftere und Explore-Modus mit linearerer Leistungsentfaltung.
Zudem erhielt die Ténéré eine Traktionskontrolle, die wahlweise natürlich auch deaktiviert werden kann.

Die Yamaha Ténéré 700 kommt in zwei Farbvarianten.
Neue Ténéré-Palette
Neben der Standard Ténéré 700 gibt es nun nur noch eine zusätzliche Modellvariante: die Yamaha Ténéré 700 Rally. Sie ist eine Kombination aus der Rally-Version und Extreme. Sie kommt in den klassischen Farben der Rally mit gold-eloxierten Rädern, dem hohen Offroad-Kotflügel und der 4 mm dicken Alu-Motorschutzplatte. Im Gegensatz zur bisherigen Rally verfügt sie nun aber über das hochwertigere KYB-Fahrwerk der bisherigen Extreme. Sie wartet 20 mm längeren Federwegen, also 230 mm vorn und 210 mm hinten, auf. Zudem verfügt sie über eine 20 mm dicker gepolsterte Endurositzbank und ist mit Titanfussrasten versehen.

Die neue Yamaha Ténéré 700 Rally ist für den gröberen Geländeeinsatz gut gerüstet.
Rally in Marokko
Am Vormittag unseres Testtages waren wir mit der Yamaha Ténéré 700 Rally auf rund 80 km Offroadpisten und 10 km auf Asphalt-Kurvenstrassen unterwegs. Da hat die vollgetankt 210 kg schwere geländeorientierte Mittelklasse-Enduro einmal mehr eine tolle Offroadperformance an den Tag gelegt. Die Ergonomie im Stehen ist nach wie vor top, ja wurde sogar noch verbessert. Hatte die Extreme letzten Herbst bei der Ténéré Sardegna Experience beim Drücken in Kurven teilweise noch an den Knien gezwickt, profitiere ich nun von einer schnörkellosen Bewegungsfreiheit.
Die Gabel spricht sehr fein an, putzt kleine Unebenheiten weg und hat mit 230 mm Federweg grosse Reserven. Gleiches gilt für das Federbein, das am Heck für 220 mm Federweg sorgt.

Für 1000 Franken Aufpreis gibts an der Rally hochwertigere Federelemente mit mehr Federweg, eine 4-mm-Motorschutzplatte, eine Rally-Sitzbank, Titanfussrasten und ein kultigeres Design.
Die Rally wird mit ihren längeren Federwegen und der Rally-Sitzbank aber sehr hoch. Die Sitzhöhe von 910 mm ist für alle unter 180 mm, alos auch mich, grenzwertig. Ist man im weitläufigen Gelände unterwegs, ist das kein Problem, beim Rangieren oder im schwierigen Gelände kann das schon zu unangenehmen Situationen führen. Da würde die Montage der 2 cm niedrigeren Sitzbank der Standard-Version allenfalls für Entschärfung sorgen.
Die Traktionskontrolle hat nur einen Modus, ist im Gelände aber höchstens anfängertauglich, denn das Durchdrehen des Hinterrads wird jeweils schon im Ansatz unterbunden.
Taugt die Elektronik?
Am elektronischen Gasgriff selbst spürt man keinen Unterschied zu den bisherigen Ténérés. Der Sport-Modus entspricht weitgehend dem bisherigen Ténéré-Motorcharakter. Da hängt der CP2 sehr direkt am Gas. Ideal zum zügigen Fahren und dabei mit dem Gas mitlenken bzw. Drifts einzuleiten. So lässt sich der Twin auch sehr tieftourig, kraftvoll bewegen. Heikle Situationen, auf unserer Tour etwa im losen Sand oder Kies liessen sich im Sport-Modus oft durch einen gezielten Gasstoss ausbügeln.
Das gelingt mit dem sanfteren Expore-Modus nicht gleichermassen gut. Gerade bei gemütlicheren Tempi oder etwa bei der Durchfahrt von Ortschaften ist der Explore-Modus deutlich angenehmer. Auch in ihm kann die volle Leistung abgerufen werden, er agiert aber nicht so aggressiv, hat spürbar geringere Lastwechselreaktionen und verlangt so weniger Konzentration. Er bringt so viel Ruhe und ist ideal entspanntes Fahren.

Aber auch die Standard Ténéré wurde verbessert und machte eine gute Figur.
Verbesserte Standard Ténéré 700
Am Nachmittag fuhren wir die Standard Ténéré 700 im Gelände und auf der Strasse. Dabei fiel sofort auf, dass man wegen der 2 cm weniger hoch gepolsterten Bank mehr im Motorrad integriert sitzt. Das erschwert das schnelle Aufstehen allenfalls. Bequem ist aber auch ihre, weniger gepolsterte Sitzbank. Auf der Ténéré 700 ist für mich das Erreichen des Bodens dank der gegenüber der Rally 35 mm tieferen Sattelhöhe mit beiden Fersen kein Problem – das schenkt Vertrauen.
Auf den Offroadpfaden zeigte sich die vollgetankt 208 kg schwere Standard fast noch handlicher als die Rally. Das liegt wohl weniger am niedrigeren Gewicht als am Fahrwerk, dem tieferen Schwerpunkt und der montierten Standardbereifung Pirelli Scorpion Rally STR. Die Yamaha Ténéré 700 Rally kommt serienmässig zwar mit derselben Bereifung, für den Test waren aber offroadtauglichere Michelin Anakee Wild montiert.
Auch das überarbeitete Fahrwerk der Yamaha Ténéré 700 spricht sehr fein an. Es wirkt nun etwas progressiver, bietet also auch guten Durchschlagsschutz. So kamen wir beim Test in Marokko fahrwerksseitig auch mit ihr nie an die Grenzen.

In Marokko zeigte sich die Standard-Version auch fürs Gelände als vollwertige Alternative.
Welche für wen?
Die Basisversion kostet in der Schweiz 11890 Franken, die Rally gibt’s für einen Tausender mehr, also Fr. 12890.-. Lohnts ich der Aufpreis?
Geübten Enduristen, die auch mal ins gröbere Gelände wollen, aber auch allen, die über 180 cm messen, kann ich sie Rally wärmstens empfehlen. Neben der Performance entscheidet sicher auch das Auge mit, denn die Rally hat schon einen deutlich abenteuerlichen Auftritt. Für ihre zusätzliche Ausstattung sind 1000 Franken definitiv nicht zu viel.
Die deutlich niedrigere Sitzhöhe ist sicher ein starkes Argument für die Standard-Version. Sie vermittelt allen, die nicht speziell gross gewachsen sind, zusätzliche Sicherheit. Sie werden mit der Standard-Version, die es übrigens auch in einer Low-Version (- 860 mm) mit gekürzten Ferderwegen gibt, sicher glücklicher. Auch ihre Performance ist top und wurde im Vergleich zum Vorjahresmodell nochmals deutlich gesteigert.
Weitere Infos gibts hier.