Seewer: ¡Es posible!

Der Start zur MXGP-Saison 2021 soll erst Mitte Juni fallen. Jeremy Seewer erklärte uns, wie er mit den ständigen Planänderungen umgeht und wie er in der WM seine Hauptgegner Herlings, Gajser und Prado schlagen will.
Wie die MXGP-Saison 2021 aussehen wird, ist noch ungewiss. Der Calendario musste schon mehrfach angepasst werden. Geisterrennen wie im El circo de MotoGP sollen aber verhindert werden. Wie geht ein Profi mit der Situation um und bereitet sich dennoch ordnungsgemäss vor?
Yamaha-Werkspilot Jeremy Seewer gewährte uns im Interview einen Blick hinter die Kulissen.
MSS: Hallo Jeremy, du hast auf die Vorsaisonrennen in Italien verzichtet. Weshalb?
Jeremy Seewer: Ich will nur Rennen fahren, wenn ich auch bereit bin. Dadurch, dass die Saison erst so spät beginnt, liess ich mir noch Zeit, denn ich will nicht zu früh bereit sein. Weil die Saison bis in den Dezember gehen soll, wird es ansonsten richtig hart.
Heisst das, man kann das Niveau, das es für die Rennen braucht, gar nicht so lange aufrechterhalten?
Wenn es erst in Juni losgeht, muss ich im Februar noch keine Rennen fahren. Ursprünglich sollte es April losgehen, deshalb hatten wir im Dezember mit dem körperlichen Training begonnen und ab Januar auf dem Töff trainiert. Ziel war es, im Februar und März intensiv auf dem Töff zu trainieren. Wir waren zwar bis im März in Sardinien und haben uns da mehr Zeit gelassen, den Töff optimal abzustimmen. Dann kehrte ich einige Wochen in die Schweiz zurück, um wieder herunterzufahren.
Seit zwei Wochen bin ich wieder in Belgien, habe das Training intensiviert und mit dem Aufbau begonnen. Ausdauer hatte ich immer trainiert, davon kann man nie genug haben. Die macht dich ja auch nicht müde, sondern stärker. Töfffahren auf höchstem Level macht aber mental müde, deshalb haben wir abgewartet. Jetzt wird das Training verschärft. Bisher fuhr ich zwei Tage pro Woche bei 90 %, ab nächster Woche gehen wir drei bis vier mal pro Woche auf die Piste.
Trainierst du jeweils mit deinem Trainingsmechaniker?
Ja, doch meistens ist auch Luigi Rossini dabei. Er ist einer der besten Rennmechaniker überhaupt. Ihn kenne ich aus der Zeit im Rinaldi-Team und konnte ihn für dieser Saison wieder an Bord holen. Eigentlich müsste er nicht immer kommen, doch er interessiert sich natürlich für den Verbesserungsprozess. Vier Augen sehen auch mehr als zwei.
Dachtest du, dass sich der Start zur MXGP-Saison bis in den Juni herauszieht könnte?
Ehrlich gesagt ja. Denn es hiess, man wolle nicht nochmals ohne Zuschauer fahren. Mit Zuschauern wäre es im März/April aber noch nicht möglich gewesen. Und ich gehe von weitere Änderungen aus!
Müssen wir uns auf eine Saison mit kräftezerrenden Triple-GP gefasst machen?
Das wäre der «Worstcase»! Wenn die Welt noch länger so ist, wie sie jetzt ist, würde es wohl darauf herauslaufen. Ich hoffe nicht!
Was sind die Nachteile der Triples für dich als Fahrer?
Sie sind körperlich und mental hart, doch es ist für alle gleich. Triple-GPs haben natürlich auch Vorteile: So müssten wir weniger reisen. Für mich persönlich wäre es sportlich aber kein Nachteil.
Du bist lange nicht mehr vor vollen Zuschauerrängen gefahren, denkst du, es wird 2021 noch dazu kommen?
Ehrlich gesagt glaube ich noch nicht daran, doch es wäre langsam wieder fällig. Davon lebt unser Sport. Es ist einfach eine schöne Atmosphäre mit den Fans, der Spannung, Autogrammen und so weiter. Wir fahren ja nicht nur für uns, sondern auch für die Fans. Der Sport ist eine grosse Show! Ohne Fans fehlt etwas. Wenn ich auf dem Töff sitze, habe ich den Fokus aufs Wesentliche aber so oder so.
Was ist deine Taktik, um dich gegen Multichamps wie Jeffrey Herlings und Tim Gajser durchzusetzten?
Ich will gewinnen, aber bei dem Fahrerfeld ist es unmöglich alles zu gewinnen. Gajser ist auch nur mit wenigen GP-Siegen Meister geworden. Man muss also das ganze Jahr betrachten und möglichst ohne grössere Fehler durch kommen. Neben Herlings und Gajser ist sicher Prado einer der härtesten Konkurrenten. Auch Fevbre und Coldenhoff sind stark. Cairoli wird nicht jünger, aber abschreiben darf man ihn noch nicht. Er wurde neunmal Weltmeister, das hat er auch irgendwie zustande gebracht. Es gibt viele!
Wir wünschen dir viel Glück im Kampf der Titanen und freuen uns schon, dich wieder im Renneinsatz zu sehen!
Danke! Ich auch…
Das ausführliche Interview in Moto Sport Schweiz 8/2021 vom 29. April.